Stichproben & Präzision
Frage 02, beantwortet. Wie verlässlich verallgemeinert die Studie auf die Population? Eine ehrliche Antwort beginnt mit der Stichprobe und endet bei einem Glaubwürdigkeitsintervall, dessen Breite du vorab geplant hast.
Was eine Stichprobe wirklich braucht
Eine größere Stichprobe ist nicht automatisch eine bessere. Drei Eigenschaften zählen:
Repräsentativität
Spiegelt die Stichprobe die Zielpopulation? Auswahlmechanismus dokumentieren, nicht erst im Diskussions-Teil.
Daten-Integrität
Drop-outs, fehlende Werte, Antwortverhalten: alles, was die effektive Stichprobe verzerrt.
Größe
So groß wie nötig, um die Frage mit hinreichender Präzision zu beantworten. Nicht nach Daumenregel.
Repräsentativität, meist das größere Problem
WEIRD-Stichproben (Western, Educated, Industrialised, Rich, Democratic) dominieren die psychologische Forschung. Bevor du über Stichprobengröße nachdenkst, kläre vier Fragen:
- Wer ist deine Zielpopulation?
- Wie wurden Teilnehmende ausgewählt (Convenience-Sample, geschichtet, randomisiert)?
- Welche systematischen Ausschlüsse gibt es?
- Welche Verzerrungen entstehen durch Self-Selection?
Drop-out ist ein Auswahlmechanismus
Wenn 30 % deiner Stichprobe abbrechen und das nicht zufällig geschieht, hast du keine repräsentative Stichprobe mehr, egal wie sorgfältig du anfangs gezogen hast.
Stichprobengröße: drei Wege
Weg 1: Klassische Power-Analyse (problematisch)
Fragt: „Wie viele Probanden brauche ich, um mit 80 % Wahrscheinlichkeit einen signifikanten p-Wert zu finden, wenn der wahre Effekt d = 0.5 ist?"
Probleme:
- setzt eine konkrete Effektgröße voraus, die du meist nicht kennst,
- plant auf „signifikant" und nicht auf „gut geschätzt",
- suggeriert eine Sicherheit, die nicht da ist.
Weg 2: Präzisionsplanung (empfohlen)
Fragt: „Wie viele Probanden brauche ich, damit mein Glaubwürdigkeitsintervall für den Effekt schmaler wird als z. B. ± 0.15?"
- direkt an die Aussagekraft gekoppelt und nicht an Schwellen,
- funktioniert auch ohne starke Vorannahmen über den Effekt,
- lässt sich transparent kommunizieren.
Weg 3: Bayes-Faktor-Design (für Hypothesentests)
Fragt: „Wie viele Probanden brauche ich, damit der Bayes-Faktor mit hoher Wahrscheinlichkeit ≥ 10 wird, falls H₁ stimmt?"
- erlaubt sequenzielle Datenerhebung mit klaren Stopp-Regeln,
- vermeidet Ressourcen-Verschwendung,
- funktioniert symmetrisch für H₀ und H₁.
→ Tiefere Behandlung in Workshop 02 · Beyond Significance.
Simulation statt Faustregel
Statt Tabellen zu konsultieren: simuliere deine eigene Studie. Generiere künstliche Datensätze unter realistischen Annahmen, ziehe sie immer wieder, schau, wie sich Punktschätzer und Intervalle verhalten.
# Beispiel-Skizze (R)
sim_one <- function(n, d) {
x <- rnorm(n, 0, 1)
y <- rnorm(n, d, 1)
ci <- t.test(y, x)$conf.int
diff(ci) # Breite des KI
}
widths <- replicate(1000, sim_one(n = 60, d = 0.4))
mean(widths) # erwartete Intervallbreite
Mit 10–20 Zeilen Code bekommst du eine ehrlichere Antwort als jede Tabelle.
Was du immer berichten solltest
- Geplante und tatsächlich erreichte Stichprobengröße
- Auswahlmechanismus und Dropout-Rate
- A-priori-Begründung für die Größe (Präzision, Bayes-Faktor-Design oder Power)
- Sensitivitätsanalysen für unterschiedliche Annahmen
Übungs-Kapitel zum direkten Anwenden
Diese Workshop-Kapitel vertiefen das Thema mit interaktiven Beispielen im Browser:
Von der Stichprobe zur Population
Theorie + interaktive Browser-App. ↗ extern.
02 Repräsentativität & StichprobengrößeVerzerrung durch Dropouts und Missings
Theorie + interaktive Browser-App. ↗ extern.
04 Repräsentativität & StichprobengrößeSchätzgenauigkeit und tolerierbarer Fehler
Theorie + interaktive Browser-App. ↗ extern.
05 Repräsentativität & StichprobengrößeUnsicherheit quantifizieren
Theorie + interaktive Browser-App. ↗ extern.
Web-Tool: Sample Size Explorer
Wir bauen ein interaktives Tool, mit dem du für gängige Designs (Mittelwertvergleich, Korrelation, lineares Modell) Präzisions- und Bayes-Faktor-basierte Stichprobenpläne erkunden kannst, inklusive Sensitivität und Visualisierung.
Schlüsselliteratur
- Maxwell, Kelley & Rausch (2008). Sample Size Planning for Statistical Power and Accuracy in Parameter Estimation.
- Schönbrodt & Wagenmakers (2018). Bayes Factor Design Analysis.
- Cumming, G. (2014). The New Statistics: Why and How.
→ Vollständige Liste in den Ressourcen.